
In den 80 Jahren ihres Bestehens gelang es den Salzburger Hochschulwochen immer wieder, sehr aktuelle, z. T. auch vorausschauend sich gerade erst entwickelnde Themen zu behandeln. Auch 2011 haben sie es wieder geschafft, am Puls der Zeit zu sein. Nicht aktueller könnte das Begriffspaar „sicher-unsicher“ sein. Sicherheit ist aktueller denn je, bedeutet sie doch die Abwesenheit von Bedrohung, während die Unsicherheit die Anwesenheit einer Bedrohung signalisiert. Unsere Zeit ist tatsächlich eine Zeit der Bedrohungen. Schmerzhaft mussten die Menschen erkennen, dass es wohl keine Sicherheit gibt, dass die existenzielle Bedrohung allgegenwärtig ist. Im Zuge der Finanz- und Wirtschaftskrise flüchtete sogar der deregulierte Kapitalismus in die sicheren Arme des Staates. Aber wie sicher ist der Schirm? Zur Sicherheit vor Terrorismus werden Maßnahmen ergriffen, die etwa die persönliche Datensicherheit gefährden. Wie sicher ist das inzwischen unser ganzes Leben beherrschende Internet? Die aktuellen Revolutionen in den arabischen Staaten lassen neue Sicherheitsfragen aufkommen: Sicherheit vor den Sicherheit suchenden Flüchtlingen, Sicherheit im Nahen Osten, Sicherheit vor radikalen Islamisten, Sicherheit vor dem Übergreifen der Revolution auf Europa... Wer kann noch Sicherheit geben ohne dass Menschlichkeit und Demokratie auf der Strecke bleiben? Wer sich gegen alles sichern will, findet sich schließlich in jenem Gefängnis wieder, in dem er selbst lebt. Wie viel Unsicherheit sind wir in einer von Sicherheitswünschen und Kontrolltechnologien geprägten Gesellschaft bereit zuzulassen? Aber auch: Wie viel durch Kontrolle, Überwachung, Polizei und Militär hergestellte Sicherheit ist unsere Gesellschaft bereit zu akzeptieren. „Wer vollkommene Sicherheit will, der muss sich seine Freiheit einschränken lassen“, meint der deutsche Philosoph Rüdiger Safranski. Können die Religionen die von den Menschen gesuchte Sicherheit geben, wenn sie doch in so vielen Bereichen selbst Unsicherheit verbreiten? Eine Unzahl von Diskussionsthemen, die den Hochschulwochen dieses Jahr ins Haus stehen.
Salzburg als Zentrum einer lebendigen geistigen Auseinandersetzung mit internationaler Ausstrahlung auszubauen, daran dachte der Salzburger Erzbischof Dr. Alois Kothgasser bereits im Jahr 2003. Dazu gehöre der interreligiöse Dialog genauso wie die offene Auseinandersetzung mit allem, was sich an Grundfragen stellt. Salzburg hätte alle Voraussetzungen dafür. Der Erzbischof meinte damit u. a. die Salzburger Hochschulwochen, die nun acht Jahrzehnte bestehen und denen es – wie es der frühere Obmann des Direktoriums, Pater Paulus Gordan 1981 so treffend formulierte – immer wieder gelingen möge, „die Balance zwischen Aufgeschlossenheit für aktuelle Fragen und Vermittlung der zentralen Inhalte christlich-abendländischer Tradition, zwischen der Sorge um die Identität des katholischen Glaubens und dem Mut zur Auseinandersetzung mit neuen geistigen Strömungen zu finden.“
Vor 80 Jahren, im August 1931 fanden die ersten Salzburger Hochschulwochen statt. Mit Ausnahme der Jahre der NS-Herrschaft, in denen die Salzburger Hochschulwochen wegen „staatsfeindlicher Tätigkeit“ verboten waren, wurde dieses „geistig religiöse Gesamtkunstwerk“, wie der Philosoph Balduin Schwarz die Hochschulwochen nannte, jedes Jahr abgehalten. Sie gingen durch alle möglichen Phasen der Sicherheit und Unsicherheit.
Vieles haben die Salzburger Hochschulwochen in den 80 Jahren ihrer Geschichte bis zum heutigen Tag konsequent fortgeführt: Vor allem die aktuellen Fragestellungen - seit 1949 in Form von Generalthemen –, die von international renommierten Referenten erörtert werden. Die Tradition der gemeinsamen Trägerschaft von österreichischen und deutschen Katholischen Verbänden und Einrichtungen wurde durchgehalten und erweitert, indem seit 1989 die Menschen aus den Nachbarstaaten des ehemaligen Ostblocks einbezogen werden.
Der geistige Bogen spannt sich von der tief greifenden Veränderung im Katholizismus des deutschen Sprachraums, vom „Katholischen Frühling“ als Aufbruch aus dem geistig-kulturellen Ghetto vor dem Ersten Weltkrieg über die Neuorientierung nach dem geistig-moralischen Tiefststand des NS-Regimes nach 1945 hin zu den unruhigen Universitätsjahren der 68er-Generation, des revolutionären Niederreißens des Eisernen Vorhangs bis schließlich in unsere immer mehr aus allen Fugen geratende Gegenwart.
Univ. Prof. Dr. Franz Schausberger
Landeshauptmann a. D.