Trump wird vorbeigehen, der Trumpismus bleibt
Vor einer europäischen Blickverengung auf die Person Donald Trump hat der Politikwissenschaftler Reinhard Heinisch gewarnt. Zwar stehe Trump sinnbildlich für eine "politische Revolution", die in Disruption, der Überwindung des Liberalismus und einer Neuformation der amerikanischen Demokratie insgesamt bestehe, doch verhindere die Fokussierung auf Trump, dass man das Netzwerk dahinter und die lange politische Ideengeschichte des amerikanischen Populismus wahrnehme, sagte Heinisch bei einem Vortrag im Rahmen der "Salzburger Hochschulwochen" am Mittwoch in Salzburg.
Trump sei ein "Werkzeug der Disruption", aber zugleich aufgrund seiner Persönlichkeitsstruktur und seinem Mangel an ideologischer Konsistenz "eigentlich ein schlechter, untypischer Repräsentant des Trumpismus". Dieser ziele in Form der "MAGA"-Bewegung, die aus der "Tea Party"-Bewegung hervorgegangen ist, auf einen vollständigen Systemwechsel hin zu einer illiberalen Demokratie, so Heinisch. Sollte dies gelingen, werde dies auch in Europa nicht folgenlos bleiben. Zugleich sollte man sich europäischerseits nicht der Hoffnung hingeben, dass mit einer Abwahl Trumps auch die hinter ihm stehende Bewegung enden wird: "Die USA werden auch künftig dysfunktional bleiben, weil der Trumpismus größer ist als Trump".
Wurzeln im 19. Jahrhundert
Heinisch skizzierte im Rahmen seines Vortrags die bis ins frühe 19. Jahrhundert reichende Vorgeschichte des amerikanischen Populismus, der letztlich auf Präsident Andrew Jackson (1767-1845) zurückgehe - "den Trump des 19. Jahrhunderts". Er habe die Eliten abgelehnt und stattdessen auf den "frontier spirit" und die "frontiers man" im mittleren Westen gesetzt und den einfachen Menschen zum Held stilisiert, der Besonders zu leisten vermag. Von diesem ideologischen Nährboden - vermengt mit einem wachsenden Einfluss des Großkapitals auf Politik und Staat - ging schließlich die "Tea Party"-Bewegung der 2010er Jahre und der Rechtsruck der Republikanischen Partei aus, so Heinisch.
Ergänzt werde die politische Bewegung heute durch rechtskonservative Vordenker und Intellektuelle, die auf Ideen von Carl Schmitt, Leo Strauss und René Girard zurückgriffen, um eine neue Politik des Ausnahmezustandes, des Autoritarismus, Anti-Liberalismus und einer klaren hierarchischen Ordnung, bei der auch Religion und Rasse eine Rolle spielen, zu installieren: "Die Bewegung hinter Trump verfolgt einen klaren, umfassenden Plan, der sich eine Basisbewegung zu eigen macht, Ideologie und Mythologie benutzt, die Übernahme staatlicher Institutionen anvisiert und einem klaren Führer-Prinzip folgt."
Thielmann: "Rosarote Brille" verhindert Veränderungsbereitschaft
Fragen der "moralischen Identität" standen im Fokus des Hochschulwochen-Vortrags der Freiburger Psychologin Isabel Thielmann. Dabei erläuterte sie, warum Menschen sich selbst meist als moralischer einschätzen als andere - und wie sie trotz fragwürdigen Verhaltens an diesem positiven Selbstbild festhalten bzw. welche Strategien sie nutzen, um mit dem Graben zwischen moralischem Selbstanspruch bzw. Selbstbild und der Realität umzugehen.
Selbstwertdienliche Rechtfertigungen etwa ließen problematisches Verhalten weniger verwerflich erscheinen. Auch soziale Vergleiche spielten eine Rolle: Wer sich mit Personen vergleiche, die egoistischer oder unmoralischer handeln, könne sich selbst moralisch überlegen fühlen. Eine weitere Strategie sei die "bewusste Ignoranz" - d. h. das gezielte Vermeiden unbequemer Informationen. Hinzu komme die "begrenzte Unehrlichkeit": Menschen schummelten oft nur so weit, dass sie davon profitierten, ohne ihr positives moralisches Selbstbild zu gefährden. Sie "dehnten" die Wahrheit also nur ein wenig.
Diese Selbstwahrnehmung beeinflusse auch die Bereitschaft zur persönlichen Veränderung: Zwar wollten viele Menschen etwa weniger ängstlich oder kontaktfreudiger werden. Moralische Eigenschaften wollten sie jedoch seltener verändern, weil sie dort kaum Schwächen sähen. Veränderung sei dennoch möglich, betonte Thielmann. Voraussetzung sei, dass Menschen ein entsprechendes Ziel entwickelten. Gerade dabei stehe ihnen jedoch häufig die "rosarote Brille" im Blick auf die eigene Moral im Weg.
Text & Fotos: Dr. Henning Klingen
