Theologin Spies: Katholische Identität besteht in dialogischer Offenheit
Was "das Katholische" bzw. eine "katholische Identität" ausmacht, lässt sich der Salzburger Dogmatikerin Franca Spies zufolge nicht einfach aus lehramtlichen Texten oder Dokumenten destillieren, sondern es kann nur jenseits von "Zuschreibung und Aneignung" im Dialog entstehen. Dies entspreche auch den Weichenstellungen, die das Zweite Vatikanische Konzil (1962-65) mit seiner Öffnung etwa hin zum Judentum und den anderen Religionen ("Nostra aetate", "Dignitatis humanae") vorgenommen habe, sagte Spies bei einem Vortrag am Dienstag im Rahmen der "Salzburger Hochschulwochen". Diese finden noch bis 9. August zum Generalthema "Wer wir sind und sein wollen. Identität: Superkraft und Problemzone" statt.
"Es gibt keine fixierte katholische Identität, die ein für alle Mal feststeht" so die Dogmatikerin. Letztlich sei sie Aushandlungssache, auch wenn es Eckpfeiler gebe, an denen sich diese Aushandlung orientieren müsse. Spies nannte etwa die Anerkennung eines universalen Heilswillen Gottes, der auf das Heil aller Menschen und nicht nur einer exklusiven Gruppe ziele; das gemeinsame kirchliche Wirken zugunsten einer Einheit der Menschheit; die Anerkennung der "Geschichtlichkeit der Offenbarung" sowie der Einsatz für soziale Gerechtigkeit bzw. das Gemeinwohl.
Wider die "Besitzstandsrhetorik" der Piusbrüder
Entsprechende Weichenstellungen in diese Richtung habe das Konzil vorgenommen und dabei auch - in bewusster Diskontinuität zu antijüdischen Motiven in der Dogmen- und Kirchengeschichte - den Eigenwert des Judentums unterstrichen. Dessen entsprechende Dokumente sollten daher auch nicht - wie von den Piusbrüdern beanstandet - als "Betriebsunfälle" der Kirchengeschichte betrachtet werden, sondern als "konsequente theologische Grundsatzentscheidungen".
Die Aktualität der Identitätsdebatte in der katholischen Kirche sei nicht zuletzt im Zuge der jüngsten Eskalation zwischen dem Vatikan und den Piusbrüdern erneut aufgebrochen, führte Spies aus. Deren unerlaubte Bischofsweihen Anfang Juli hätten zu einem erneuten Schisma geführt und zugleich sichtbar gemacht, dass eben jene "katholische Identität" stets eine Frage des Ringens und Aushandelns sei - wenngleich gerade die Piusbrüder deutlich den Unterschied zwischen einer von ihnen forcierten "Besitzstandsrhetorik" und dem vom Konzil präferierten "dialogischen Modell" markiert hätten.
Text & Foto: Dr. Henning Klingen
