Soziologe Reckwitz: Hypotheken der Spätmoderne erinnern an Erbsündenlehre
Westliche Gesellschaften tragen nach Einschätzung des Berliner Soziologen Andreas Reckwitz heute schwer an ihrem negativen Erbe. Diese Belastung stamme aus der Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts, der generationenübergreifenden Klimakrise und ökonomischen Verschuldung. Solch negatives Erbe könne man letztlich wie eine säkulare Form der christlichen Erbsündenlehre interpretieren, so Reckwitz am Dienstag bei einem Vortrag am zweiten Tag der "Salzburger Hochschulwochen" in Salzburg. Nachdem sich der fortschrittsoptimistische Blick der Moderne in sein Gegenteil verkehrt habe und die "manigfachen Hypotheken spätmoderner Gesellschaften" vermehrt in den Blick kommen, scheine "ein Grundmotiv der Erbsündenlehre in säkularisierter Form wieder auf", so Reckwitz.
Der Soziologe hatte bereits am Sonntag den Eröffnungsvortrag der diesjährigen Hochschulwochen gehalten. Diese stehen bis 9. August unter dem Generalthema "Wer wir sind und sein wollen. Identität: Superkraft und Problemzone". Reckwitz erschloss das Thema Identität in beiden Vorträgen entlang der Leitidee der veränderten und komplexen Bedeutung des Erbbegriffs. War die klassische Moderne noch von einem ungebremsten Fortschrittsoptimismus geprägt, in dem die Idee eines gesellschaftlichen wie individuellen Erbes nur dann aufschien, wenn dieses Erbe der zukünftigen Entfaltung diente, so trete seit den 1970er Jahren und der Phase der Spätmoderne immer stärker die Last des Erbens in den Fokus.
Negatives Erbe im Fokus
Auch das historische Erinnern ist laut dem Soziologen von einem Wandel betroffen: Dieses habe sich von einer fortschrittsorientierten hin zu einer opferorientierten Perspektive verschoben, in der die Gewaltgeschichte neu in den Blick gerät. Reckwitz nennt dies eine "viktimologische Wende", die mit einem neuen Selbstbewusstsein der Opfer einherging, sei heute wiederum erneut Gegenstand von Identitätskonflikten geworden, zeigte Reckwitz am Beispiel der US-amerikanischen Debatte um die eigene Geschichte und ihre Deutung auf.
Ähnlich umstritten und Gegenstand von Identitätskonflikten seien auch die Debatten über die Schulden- und die Klimakrise, in der die Menschheit als Abfolge von Generationen erscheint und also die Verantwortung des aktuellen finanzpolitischen wie des Klima-Handelns und dessen Auswirkung auf kommende Generationen thematisiert wird.
Wiederentdeckung des breiten positiven Erbes
Wichtig wäre es angesichts dessen, Aspekte eines "Positiv-Erbes" neu in den Blick zu nehmen. Dazu zähle etwa das reichhaltige kulturelle Erbe (cultural heritage), sowie institutionelle und infrastrukturelle Selbstverständlichkeiten, deren Wert heute neu erkannt werden sollte. Dazu zählte Reckwitz u.a. Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Infrastruktur, Ökonomie - letztlich Dinge, die heute das "Rückgrat des modernen Lebens darstellen". Reckwitz: "Was wollen wir künftigen Generationen vererben? Das ist eine zentrale Leitfrage der Spätmoderne".
Text & Foto: Dr. Henning Klingen
