Astrophysiker: Wimpernschlag des Lebens lehrt Demut
Der Blick in die im wahrsten Sinne elementaren Momente der Geschichte des Universums können Staunen lassen - oder aber angesichts des kurzen Wimpernschlags, den das Leben in astrophysischen Dimensionen dauert, demütig stimmen. Beide Motive findet man beim Wiener Astrophysiker Franz Kerschbaum. Legt man die Zeit des Universums vom Urknall bis heute auf die Spanne eines Kalenderjahres um, so nimmt das menschliche Leben gerade mal 0,2 Sekunden dieses Jahres ein. Und es wird so rasch wieder aus dem Kosmos verschwunden und verglüht sein, wie es gekommen ist. Diesen gleichsam "galaktischen" Verlauf des Lebens zeichnete Kerschbaum bei einem Vortrag bei den "Salzburger Hochschulwochen" am Freitag nach.
Ausgehend vom sogenannten "Urknall" vor 13,8 Milliarden Jahren rekonstruierte der Astrophysiker die Entstehung des Universums und der Materie - von einer weitgehend "undurchsichtigen" Form bis hin zu den heutigen Sternen. Dabei sei es durchaus geboten, auf biblische Kategorien und Sprachformen zurückzugreifen, wenn es etwa um die Trennung in feste Materie und Raum geht ("Es werde Licht!") oder um die Tatsache, über welch langen Zeitraum das Universum eigentlich "wüst und leer" war und nur aus wenigen, frei schwebenden Elementen bestand.
Vor 13,2 Milliarden Jahren seien dann die ersten Sterne entstanden und haben sich schließlich vor 8,8 Milliarden Jahren zur Milchstraße geformt. Diese bestehe heute - um die Dimensionen zu verdeutlichen - aus rund 400 Milliarden Sonnen. Unser Sonnensystem und die Erde entstanden erst vor 4,5 Milliarden Jahren aus einem Gas- und Staubnebel.
Das Leben: Ein "Weihnachtsgeschenk"
So lange der Anlauf der Entstehung unseres Sonnensystems und des Lebens auf der Erde auch dauerte - es werde mit fortschreitender Ausdehnung der Sonne und der Steigerung ihrer Hitze auch wieder vergehen: In etwa einer Milliarde Jahren werde die Oberflächentemperatur auf der Erde so angestiegen sein, dass alles Wasser verdampft. In zwei Milliarden Jahren werde kein Leben auf der Erde mehr möglich sein.
Doch gerade angesichts dieser gleichsam tristen Aussichten wiege das Geschenk der Entstehung des Lebens um so schwerer: Vor rund 2 Milliarden Jahren entstand einfachstes Leben. Die eigentliche "Revolution des Lebens" begann schließlich laut Kerschbaum vor 600 Millionen Jahren mit einer explosionsartigen Verbreitung und Komplexitätssteigerung des Lebens. Umgelegt auf den "kosmischen Jahreskalender" würde diese Zeit des entstehenden Lebens passenderweise in die Weihnachtszeit fallen: am 1. Weihnachtstag wäre demnach das Zeitfenster der Dinosaurier, am 2. Weihnachtstag entstanden erste Säugetiere. Am 31. Dezember um 23.52 Uhr entstand nach dieser Logik der moderne Mensch - um einen Wimpernschlag später wieder von der Bildfläche zu verschwinden.
Text & Fotos: Dr. Henning Klingen
