"Theologischer Preis" 2026 an Martha Zechmeister verliehen
Die aus Österreich stammende Ordensfrau und Theologin Martha Zechmeister ist mit dem "Theologischen Preis" der Salzburger Hochschulwochen für ihr Lebenswerk ausgezeichnet worden. Zechmeister erhielt den mit 5.000 Euro dotierten Preis am Mittwochabend in Salzburg. Zechmeister sei eine "profunde Vermittlerin und Fürsprecherin der lateinamerikanischen Befreiungstheologie", die die "Option für die Armen" sowohl in der Theoriebildung als auch in der Praxis vorantreibe, hieß es in der Begründung der Jury, aus der der Obmann der Hochschulwochen, Prof. Martin Dürnberger, bei der Verleihung zitierte. Als Vertreterin einer "Mystik der offenen Augen" stehe sie für einen "klaren und hellwachen Blick auf die bedrängenden Realitäten" und für das "befreiende Potenzial der Botschaft Jesu".
Wolle man diese Worte der Jury-Begründung plakativ zuspitzen, so könnte man laut Dürnberger sagen: "Selbst ein J.D. Vance kommt nicht an Zechmeister vorbei". Denn wer sich heute auf Christentum und Glaube berufe, sich mit dem Gedanken der Nachfolge Christi auseinandersetze, der könne "redlicherweise nicht ignorieren, wofür der Name Martha Zechmeister in besonderer Weise steht und wofür sie persönlich einsteht: für eine gleichermaßen gelebte wie durchdachte Option für die Armen, die ihren Wurzelgrund nicht in einer persönlichen Vorliebe, sondern im Evangelium selbst hat."
Anwesend waren bei der Verleihung u.a. Erzbischof Franz Lackner, Abt Theodor Hausmann (Abtei St. Stephan), Abt Johannes Perkmann (Abtei Michaelbeuern), Erzabt Jakob Auer (Erzabtei St. Peter), Erzabt Wolfgang Öxler (Erzabtei Sankt Ottilien), sowie weitere Vertreterinnen und Vertreter aus Kirche, Politik und Gesellschaft. Der Preis wurde heuer von den Missions-Benediktinerinnen von Tutzing und Priorin Sr. Rachel Feller sowie von der Erzabtei Sankt Ottilien und Erzabt Wolfgang Öxler gestiftet.
Gmainer-Pranzl: Durchdringung von Theologie und Lebenszeugnis
Auf die Besonderheit der Durchdringung von Theologie und Lebenszeugnis bei Martha Zechmeister verwies der Salzburger Theologe Franz Gmainer-Pranzl in seiner Laudatio. Zechmeister bringe durch ihre wissenschaftliche Arbeit ebenso wie durch ihr öffentlichkeitswirksames Auftreten und "das Zeugnis ihres Lebens und Glaubens entscheidende Kriterien christlicher Gottesrede zur Geltung", so Gmainer-Pranzl: Denn sie erinnere daran, "dass die Armen nicht bloß ein Fall für die kirchliche Caritas-Arbeit sind, sondern Subjekt christlicher Gemeinde" und Maßstab dessen, "ob wir vom biblischen Gott oder von einem Götzen reden", der als "Rechtfertigungsfigur zur Verteidigung von Macht und Reichtum dient".
Lernen könne die zeitgenössische Theologie von Zechmeister drei Dinge: Der Welt in ihrem "mörderischen Wahnsinn" standzuhalten, also den "Realitätsschock" zuzulassen, dass die Welt sich bei genauer Betrachtung katastrophisch zeigt; dann die Aktualität der Befreiungstheologie zu erkennen. Diese gehöre, wie das Beispiel Zechmeisters eindrucksvoll zeige, nicht "in die Rumpelkammer der Theologiegeschichte", sondern sei immer dort aktuell, wo die Kirche den Auftrag ernst nehme, nach den "Zeichen der Zeit" zu suchen. Und schließlich zeige Zechmeister, dass der Glaube bei aller weltlichen Verzweiflung eine Botschaft der Hoffnung darstelle und daraus seine Kraft beziehe.
Zechmeister: Theologie muss sich "von der Wirklichkeit unterbrechen lassen"
In ihren Dankesworten nahm Zechmeister die von Gmainer-Pranzl vorgenommene Verortung ihrer Theologie auf und unterstrich, dass Theologie sich stets neu "der Wirklichkeit aussetzen und von ihr unterbrechen lassen" müsse - "besonders von der Wirklichkeit der Verletzlichsten". Eine Theologie, "die überall und zu jeder Zeit dasselbe wiederholt", bleibe "wirklichkeitsleer und vermag Gott nicht zur Sprache zu bringen", so Zechmeister in Anlehnung an ihren Lehrer Johann Baptist Metz (1928-2019), der am heutigen Tag seinen 98. Geburtstag gefeiert hätte - und der ebenfalls 2007 den Theologischen Preis für sein Lebenswerk erhalten hatte.
Die Wirklichkeit ihrer Theologie sei mit El Salvador, wo sie seit 2009 als Professorin an der Universidad Centroamericana "José Simeón Cañas" lehrt, eine denkbar katastrophische Wirklichkeit - ein "unheilbares Schlamassel" - und zugleich ein "Mikrokosmos, an dem etwas über den Makrokosmos unseres Planeten offenbar wird". Schließlich kämpfe dort eine "Zivilisation des Reichtums" gegen eine "Zivilisation der Armut" mit erbarmungsloser Härte. Diesen Kampf könne man heute allüberall beobachten - verschärft unter den Faktoren der Inflation, der Klimakrise, grassierender Kriege und der "Seuche des neuen Autoritarismus".
Es sei angesichts dieser Entwicklungen nicht leicht, "Hoffnung als eschatologische Tugend" zu bewahren, räumte die Theologin ein - speziell dann nicht, wenn es die Ausgegrenzten, Abgehängten und Marginalisierten selber seien, die oft nach einem "starken Mann" oder einer "harten Hand" rufen. Was angesichts dessen nottut, sei zunächst "die eigene Umkehr": "geduldig und demütig zuzuhören, ohne verborgene Absicht wirkliche Freundschaft mit denen zu leben, die unten sind und getreten werden", appellierte die Ordensfrau. Und sich zu weigern, in den Chor derer einzustimmen, die nach eben jener illiberalen Politik der Stärke rufen, die letztlich dem Evangelium widerspreche.
Zechmeister: "Gott ist für mich die große Verheißung, dass die Schurken dieser Welt nicht das letzte Wort behalten - die, die über Leben und Tod anderer verfügen. Das ist keine Vertröstung auf ein Jenseits. Es ist die Weigerung, ihnen den Ausgang der Geschichte zu überlassen."
Biografische Notizen
Martha Zechmeister wurde 1956 in Kotting/Niederösterreich geboren. Von 1974 bis 1979 studierte sie Theologie und Religionspädagogik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien. 1979 trat sie in die "Congregatio Jesu" (Maria-Ward-Schwestern) ein. 1984 wurde sie an der Universität Wien mit einer Arbeit über Ignatius von Loyola promoviert. 1987 legte sie die Ewige Profess ab.
In der Folge lehrte sie u.a. an der Philosophisch-theologischen Hochschule der Diözese St. Pölten, als Lehrbeauftragte für Spirituelle Theologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Innsbruck und als Gastprofessorin an der Universidad Centroamericana "José Simeón Cañas" in El Salvador. 1997 habilitierte sie sich an der Universität Wien mit einer Arbeit über Erich Przywara, für die sie den Kardinal-Innitzer-Förderungspreis für Theologie erhielt.
Im selben Jahr wurde sie zur Außerordentlichen Universitätsprofessorin ernannt. Von 1999 bis 2008 war sie Professorin für Fundamentaltheologie an der Universität Passau. Seit 2009 ist sie Professorin an der Universidad Centroamericana "José Simeón Cañas" und dort seit 2012 Direktorin des Masterstudiengangs Teología Latinoamericana.
Text & Fotos: Dr. Henning Klingen
