Wenn ein Einhorn nach seelsorglicher Begleitung fragt
Kommt ein Einhorn zur Seelsorge ... Das klingt zunächst wie der Anfang eines Witzes, ist aber auf einem Musikfestival eine durchaus realistische pastorale Situation. Während anderswo noch darüber beraten wird, ob der Pfarrbrief künftig acht oder zwölf Seiten haben soll, steht hier plötzlich ein Mensch im glitzernden Ganzkörperkostüm vor der verdutzten Seelsorgerin und fragt: "Kann ich kurz mit euch reden?" Spätestens jetzt zeigt sich: Seelsorge braucht nicht nur offene Ohren, sondern gelegentlich auch eine gewisse Kostümfestigkeit.
Einblicke in diese ungewöhnliche Welt des pastoralen "Nahkampfes" bot bei einem Podiumsgespräch in unserer in Kooperation mit der Zeitschrift "Christ in der Gegenwart" durchgeführten und von Moritz Findeisen moderierten Reihe "Theologie konstruktiv" die österreichische Festivalseelsorgerin Victoria König. Tatsächlich seien Festivals nämlich nicht nur Orte des Feierns und des blühenden Lebens - auch hier würden Menschen ihren ganz persönlichen Rucksack aus Lebens- und Glaubensfragen mitschleppen. Und genau für diese Menschen wolle man da sein. Die wichtigste pastorale Botschaft lautet dabei zunächst nicht: "Wir haben da ein interessantes Angebot für dich." Sie lautet: "Erzähl. Ich höre zu."
Und das Konzept scheint aufzugehen, wie die Erfahrungen bei den großen Festivals in Österreich, bei denen die Festivalseelsorge präsent ist, zeigt. "Viele sind ganz erstaunt, wenn sie hören, dass wir von der Kirche sind, hätten es nicht für möglich gehalten, dass Kirche auch 'so' sein kann", so König.
"Katholisch bin ich. Aber ob ich christlich bin …?"
Dabei ist Identität nicht nur auf Festivals ein Thema. Junge Theologiestudierende ringen damit, ob sie sich katholisch, christlich, beides oder keines von beidem nennen können. Manche schämen sich für ihre kirchliche Zugehörigkeit, andere tragen sie demonstrativ vor sich her. Wieder andere sagen: "Katholisch bin ich schon. Aber ob ich christlich bin, weiß ich nicht", berichtete bei dem Podiumsgespräch die Innsbrucker Pastoraltheologin Anna Findl-Ludescher.
Katholische Identität könne tatsächlich vieles umfassen: Traditionen, Lehramt, Liturgie, Moralvorstellungen, Volksfrömmigkeit. Eine weiter verstandene 'christliche Identität' hingegen fokussiere sich zunächst auf die Praxis der Nachfolge Jesu. Entsprechend stelle die Frage der Identitätssuche von jungen Menschen - Theologie-Studierenden wie 'normalen' Jugendlichen - Seelsorgende vor eine große Aufgabe: Wie begleitet man sie begleiten, ihre "Berufung" zu finden? Ja, ist Berufung überhaupt ein geeigneter Begriff für alle Formen religiöser Identitätssuche?
Findl-Ludescher zeigte sich da skeptisch: für die einen mag Berufung ein Orientierung schaffender Deuterahmen für das eigene Leben darstellen - sie könne aber auch ziemlich schwer im Magen liegen, wenn sie zu starr verstanden wird: Wer glaubt, eine Berufung müsse mit 25 Jahren vollständig erkannt und lebenslang "durchgehalten" werden, sehe nicht die Dynamik des Rufes Gottes: "Berufung braucht Beweglichkeit, Reife und die Freiheit, sich mit den Lebensumständen zu verändern. Sonst wird aus dem tragenden Rahmen ein Käfig", so die Theologin.
"Ausweis bitte": Identitätssuche in der Polizeiseelsorge
Besonders existenziell wird die Identitätsfrage dort, wo Teile des eigenen Lebens scheinbar nicht zusammenpassen bzw. vor dem Hintergrund der kirchlichen Lehre nicht zusammenpassen dürfen. Queere Menschen etwa erleben häufig, dass sie ihren Glauben und ihre sexuelle oder geschlechtliche Identität auseinanderdividieren sollen: Hier der Glaube, dort die queere Identität. Hier die Kirche, dort die Liebe. Hier das, was man zeigen darf, dort das, was man besser verschweigt.
Queersensible Pastoral beginne deshalb nicht mit einer Debatte darüber, ob Kirche diese Menschen "auch" willkommen heißen kann, bot Seelsorger Andreas Ihm Einblicke in sein Tätigkeitsfeld. Kirche sei ja nicht die Gastgeberin einer exklusiven Abendgesellschaft, die nach längerem Zögern zusätzliche Gäste auf die Liste setzt. Sie müsste ein Ort sein, "an dem Menschen erfahren: Ich werde gesehen. Nicht trotz meiner Identität, sondern als der Mensch, der ich bin."
Auch in der Polizeiseelsorge zeigt sich, wie widersprüchlich Identität sein kann. Schließlich stelle Polizei beruflich ständig die Identitätsfrage: "Ausweis bitte." Gleichzeitig verschwindet die persönliche Identität der Beamtinnen und Beamten leicht hinter ihrer Uniform, Dienstgrad und Funktion. Nach belastenden Einsätzen, Gewalterfahrungen oder einem Schusswaffengebrauch steht jedoch nicht abstrakt "die Polizei" vor den Seelsorgenden, sondern ein konkreter Mensch. Entsprechend sehe er es als seine Aufgabe, den Menschen hinter der Uniform wahrzunehmen und sichtbar zu machen.
Seelsorge heißt hier: mitgehen, zuhören, aushalten. Der Emmausgedanke, übersetzt in den Berufsalltag. Keine schnellen Erklärungen, keine fromme Sofortlösung, sondern Begleitung auf einem Weg, dessen Ziel noch nicht sichtbar ist. Vielleicht ist das überhaupt eine entscheidende Aufgabe von Kirche, schlussfolgerte Ihm: Menschen nicht vorschnell eine Identität zu verpassen, sondern ihnen Räume zu öffnen, in denen sie ihre eigene entdecken können. Räume zum Sprechen, Schweigen, Suchen und Zweifeln.
Text & Fotos: Dr. Henning Klingen
