
Dr. Isabell Thielmann
Vorlesung
Moralische Identität und die "rosarote Brille": Wie wir unser moralisches Selbstbild aufrechterhalten
Details
Die moralische Selbstwahrnehmung stellt einen zentralen Bestandteil der menschlichen Identität dar. Die meisten Menschen betrachten sich als moralisch integre Personen – und zwar häufig als überdurchschnittlich moralisch im Vergleich zu anderen. Dieses Phänomen der moralischen Selbstaufwertung steht jedoch in einem Spannungsverhältnis zu alltäglichem Verhalten, das nicht selten von Eigennutz, Unehrlichkeit oder moralischen Kompromissen geprägt ist.
Der Vortrag beleuchtet, wie Individuen dieses Spannungsfeld zwischen moralischem Anspruch und tatsächlichem Verhalten bewältigen. Im Zentrum stehen psychologische Mechanismen, die es ermöglichen, ein positives moralisches Selbstbild aufrechtzuerhalten, selbst wenn das eigene Handeln diesem Anspruch widerspricht. Dazu zählen insbesondere Rechtfertigungsstrategien sowie Prozesse flexibler moralischer Bewertung, die es erlauben, einzelne Verfehlungen mit dem eigenen Selbstbild in Einklang zu bringen.
Darüber hinaus wird beleuchtet, welche direkten Konsequenzen für Veränderungsbereitschaft die Tendenz zur Überschätzung der eigenen Moralität hat: Wer sich bereits als hinreichend moralisch wahrnimmt, sieht wenig Anlass, die eigenen moralischen Eigenschaften zu hinterfragen oder zu verändern. Auf Basis aktueller Forschung wird gezeigt, wie Feedback über die eigene Ausprägung moralischer Eigenschaften die Selbsteinschätzung beeinflusst und in der Folge moralische Veränderungsziele aktivieren kann.
Der Vortrag verbindet damit grundlegende Einsichten zur moralischen Identität mit empirischen Befunden zu Selbstwahrnehmung und Veränderungsmotivation und verdeutlicht, welche Rolle Rückmeldungen für die Initiierung von Veränderungsprozessen im Bereich moralischer Eigenschaften spielen.
Biografische Notizen
- Dr. Isabel Thielmann ist Forschungsgruppenleiterin am Max-Planck-Institut zur Erforschung von Kriminalität, Sicherheit und Recht in Freiburg.
- Nach ihrem Studium der Psychologie und ihrer Promotion an der Universität Mannheim war sie an der Universität Koblenz-Landau sowie an der Vrije Universiteit Amsterdam tätig.
- In ihrer Forschung beschäftigt sie sich mit Persönlichkeitsunterschieden, Prozessen der Selbst- und Fremdwahrnehmung sowie prosozialem und antisozialem Verhalten.
- Sie ist Inhaberin eines ERC Starting Grants zur Erforschung der Selbstwahrnehmung und Veränderbarkeit moralischer Eigenschaften.
