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Theologischer Preis 2016

Preisträger mit Jurymitgliedern

 

Die deutschen Kulturwissenschaftler und Ägyptologen Jan und Aleida Assmann sind mit dem "Theologischen Preis" der Salzburger Hochschulwochen ausgezeichnet worden. Mit dem zum elften Mal vergebenen Pries würdigen die Hochschulwochen das Lebenswerk des deutschen Forscherpaares im Blick auf dessen theologischen Ertrag.

Mit ihren Arbeiten zur Theorie und Geschichte des "kulturellen Gedächtnisses" würden die beiden Wissenschaftler einen wichtigen Beitrag auch zur "theologischen Theoriebildung" leisten, heißt es in der Begründung der Jury, aus der Hochschulwochen-Obmann Martin Dürnberger bei der Begrüßung zitierte. Eine Theologie, die das Bewusstsein für historische und kulturelle Zusammenhänge schärfen wolle, komme nicht umhin, "sich von diesen Arbeiten herauszufordern, zu informieren,  inspirieren zu lassen", so die Jury. Bei aller Eigenständigkeit blieben ihre Arbeiten außerdem stets aufeinander verwiesen, begründete die Jury die Vergabe des Preises an das Forscher-Paar.

Das Preisgeld von 5.000 Euro wurde in diesem Jahr vom Abt des Benediktinerstiftes Admont, Bruno Hubl, persönlich gestiftet.

In seiner Laudatio würdigte der Schweizer Publizist Iso Camartin die Forscher als leidenschaftliche Wissenschaftler, die mit ihren Arbeiten gerade zum Wert der Erinnerung und zur Erinnerung heutige Gesellschaften daran gemahnen würden, dass "Erinnerungen so etwas wie Waffenträger sind, die eine wichtige Ausrüsrtung für den Menschen von heute bedeuten". Leser könnten bei den Assmanns lernen, dass Vergangenes nicht schlicht in der Geschichte verschwindet, sondern immer wiederkehrt und deren "unerledigte Elemente auf unseren Abruf" und auf eine "Situierung in unserem gegenwärtigen Kontext" warten. Bei all dem würden sie in ihrer von Nüchternheit und Rechtschaffenheit geprägten Art dem Weberschen Ideal des Wissenschaftlers schlechthin entsprechen, so Camartin.

In ihrer Dankesrede plädierte Aleida Assmann für eine Wiederentdeckung der Tradition der "Menschenpflichten" - einer Tradition, die rund 4.000 Jahre in der Kulturgeschichte zurückreicht und an die angesichts der aktuellen dramatischen gesellschaftlichen und politischen Ereignisse wieder angeknüpft werden sollte. So stelle die aktuellen Migrations- und Flüchtlingsbewegungen Europa vor eine nie dagewesene Herausforderung, insofern sich die europäischen Gesellschaften als tief gespalten darstellten: "Ziviles Engagement und Hilfsbereitschaft hier, wütende Proteste und rigorose Ablehnung dort".
Die Flüchtlingsfrage sei somit zu einer Gretchenfrage für Europa geworden, die eine neue Antwort auf die Frage verlange, wie zivilisiertes Zusammenleben in Europa möglich sein könne. "Gefragt ist ein neuer Gesellschaftsvertrag", so Aleida Assmann, der allerdings nicht nur bei den Menschenrechten anetzen dürfe, sondern auch die individuelle, persönliche Dimension persönlicher "Menschenpflichten" umfassen müsse. In ihrem Kern würden diese "Menschenpflichten" die "Goldene Regel" enthalten: "Was du nicht willst, das man dir tut, das füg auch keinem anderen zu". Doch auch Tugenden wie die Fürsorge für Arme, Flüchtlinge, die Sorge um Witwen und Waisen, die Sorge um Kranke, Nackte und Gefangene zähle zu diesen Jahrtausende alten Pflichten.
Konkret sei es an der zeit, so Assmann abschließend, an den 1997 unterniómmenen Versuch der Initiative des "InterAction Council" zu erinnern, eine "Allgemeine Erklärung der Menschenpflichten" als Ergänzung zur Erklärung der Menschenrechte zu institutionalisieren.

Jan Assmann knüpfte an die Überlegungen seiner Frau an und arbeitete in seiner Dankesrede die ägyptischen Quellen dessen heraus, was man als "Menschenpflichten" bezeichnen könnte und was schließlich im Christentum im Gebot der Nächstenliebe kondensierte. "Was uns der Blick auf Ägypten lehren kann, ist die erstaunliche Konstanz humaner Tugenden - über alle Religionen und Gesellschaften hinweg: Menschenliebe, Gerechtigkeit, Duldsamkeit. Diese sind heute mehr denn je gefragt - und fanden ihre Entfaltung bereits im alten Ägypten", so Assmann.

Dabei erinnerte Jan Assmann daran, dass diese Tugenden - wie auch die Menschenrechte, auf denen heutige westliche Gesellschaften fußen - "aus Kriegen und Katastrophen erwuchsen". Sich dieser Kriege und Katastrophen zu erinnern und der moralischen Imperative, die aus ihnen erwuchsen, würde dabei bedeuten, die "Waffen der memoria wieder zu entdecken, die heute mehr denn je gebraucht werden". Der biblische Monotheismus schärfe diese Waffen noch einmal dramatisch an, so Assmann, insofern er das Recht und die Moral konsequent "theologisiere": Indem alles Recht und alle Moral von Gott ausgehe, werde die Einhaltung der "Menschenpflichten" zu einem Akt unbedingten Gehorsams und zur "Herzensangelegenheit jedes einzelnen".

 

Henning Klingen