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Wissenschaftler: "Potenzial der Religion noch nicht ausgeschöpft"

Wissenschaftshistoriker Renn bei "Salzburger Hochschulwoche": Im Zeitalter des "Anthropozäns" auf Erfahrungsschatz der Religion zurückgreifen - Wissenschaftsjournalistin Berndt: Religion wichtiger Faktor der "Resilienz"

 

Salzburg, 29.07.2015 (KAP) Mit einem Plädoyer für eine neue Wertschätzung der Potenziale und Leistungen der Religion im Blick auf Lebensorientierung und Lebenswissen ist die "Salzburger Hochschulwoche" in ihren dritten Tag gestartet. "Das Potenzial der Religion ist noch nicht ausgeschöpft", zeigte sich der Berliner Wissenschaftshistoriker Jürgen Renn überzeugt. Angesichts einer dramatischen Epochenwende, die mit dem Begriff des "Anthropozäns" angezeigt werden könne und eine enorme Beschleunigung von menschengemachten Krisenphänomenen bezeichnet, stehe die Wissenschaft vor der Herausforderung, neue Ressourcen zu erschließen, um den engmaschigen Verwebungen von ökologischer, wirtschaftlicher und sozialer Krise zu entgegnen: "Wir können uns heute nicht mehr einfach seitwärts ins Gebüsch schlagen."

Bei diesem umfassenden Problemzusammenhang könne die Religion Ressourcen bieten, verbinde sie doch mit der Wissenschaft die Tatsache, nicht nur umfassende Wissens-, sondern auch Handlungssysteme abzubilden und aus einem Weltverständnis heraus Wertvorstellungen zu generieren. Zugleich ließ Renn jedoch keinen Zweifel daran, dass er Religion allein heute nicht mehr in der Lage sieht, diese lebensorientierende Kraft aus sich heraus zu mobilisieren. Zu sehr sei Religion - wie Renn unter Verweis auf den IS verdeutlichte - dabei, sich einzukapseln und eine bewusste Abkehr von innerweltlichen Problemen zu forcieren.

Der Begriff des "Anthropozäns" werde derzeit intensiv diskutiert, so Renn, versuche er doch eine Vielzahl von zum Teil dramatischen Entwicklungen auf globaler Ebene in einem Terminus zusammenzuführen und den Anbruch eines "neuen Zeitalters" zu beschreiben. Dieses neue Zeitalter sei etwa gekennzeichnet durch große ökologische, technologische und soziale Herausforderungen, in denen der Mensch gleichermaßen Täter wie auch Opfer sei und bei deren Bewältigung die hochspezialisierten Fachwissenschaften und -technologien allein nicht mehr genügten, so Renn. "Wir brauchen eine Wissenschaft, die auch soziale, kulturelle und lokale Perspektiven ernst nimmt". Insofern bezeichne das "Anthropozän" auch ein Zeitalter eines neuen globalen Lernens über den Zusammenhang von Natur und Kultur.

 

 

Religion wichtiger Faktor der "Resilienz"

Auf die Bedeutung von Religion als Faktor der psychischen Widerstandsfähigkeit ("Resilienz") in Belastungs- und Stresssituationen hat die deutsche Wissenschaftsjournalistin Christina Berndt hingewiesen. Das Geheimnis der "Resilienz" bestehe laut Berndt in einem Perspektivwechsel und einem bewussten Trainieren der Kompetenzen, die den Menschen widerstandfähiger machen. "Ein bloßer Blick auf die persönlichen Defizite bringt nichts - es zählt, zu stärken, was stark macht".

Zu den Faktoren, die "stark machen" zähle etwa die Erfahrung von Sinnhaftigkeit im Leben, von Selbstwirksamkeit, aber auch ein gewisses Maß an Realismus, an Durchsetzungsvermögen, Temperament und Humor. Dies habe die Resilienz-Forschung in den vergangenen rund 60 Jahren deutlich gemacht. Diese Kompetenzen ließen sich - obgleich genetisch dem Menschen gegeben - durchaus trainieren und entfalten, so Berndt. Positiv wirkten sich auch Grundhaltungen wie Dankbarkeit, Optimismus, Neugier und Enthusiasmus auf die psychische Gesundheit aus. Dazu zähle auch Spiritualität und Religiosität, die eine Grundhaltung der Dankbarkeit etwa der Schöpfung gegenüber förderten.

Am Dienstagabend, 28. Juli, hatte das Land Salzburg die Teilnehmer der heurigen Hochschulwoche zu einem Kammerkonzert in der Salzburger Residenz eingeladen. In Vertretung des Landeshauptmanns Wilfried Haslauer hatte dabei Landtagspräsidentin Brigitta Pallauf die Bedeutung der Hochschulwochen für Salzburg unterstrichen: "Die Einladung der Stadt und des Landes zum Kammerkonzert ist ein kleines Zeichen der Hoch- und Wertschätzung für die Salzburger Hochschulwochen, ihre Organisatoren, ihre Vortragenden, ihre Teilnehmer und Teilnehmerinnen." Das heurige Thema sei von drängender Aktualität, so Pallauf, da es Humanität, Solidarität und Zivilcourage brauche, um aktuellen Herausforderungen zu begegnen.

Die "Salzburger Hochschulwoche", die noch bis 2. August dauert, steht heuer unter dem Titel "Prekäre Humanität". Die traditionsreiche, bis ins Jahr 1931 zurückreichende Veranstaltungsreihe an der Universität Salzburg lockt jährlich rund 800 Interessierte und Studierende zu Vorträgen, Workshops und Diskussionsrunden. Einen Höhepunkt stellt die Verleihung des "Theologischen Preises" an die Koranforscherin Angelika Neuwirth am heutigen Mittwochabend dar.